Austausch auf Augenhöhe: Zu Besuch in der Rhein-Mosel-Werkstatt Kastellaun

Es sind Fragen, die sitzen. Warum ist der Lohn in den Werkstätten so niedrig? Wo sollen Menschen mit Behinderungen wohnen, wenn es kaum geeigneten Wohnraum gibt? Was passiert, wenn die Eingliederungshilfe gekürzt wird? Und: Sind wir in der Politik eigentlich willkommen?

Pia Neumüller, Carsten Steil-Schlösser und Maik Gross vom Werkstattrat der Rhein-Mosel-Werkstatt in Kastellaun hatten sich gut vorbereitet. Zusammen mit Betriebsleiter Jochen Schink und Nadine Wack vom Sozialdienst empfingen sie mich zu einem Gespräch, das ich so schnell nicht vergessen werde. Nicht wegen der Kulisse, nicht wegen der Protokollpunkte — sondern wegen der Klarheit, mit der hier Menschen für ihre Rechte eingetreten sind.

Die Rhein-Mosel-Werkstatt ist eine Einrichtung der Eingliederungshilfe im Rhein-Hunsrück-Kreis. Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten hier, entwickeln Fähigkeiten, nehmen am gesellschaftlichen Leben teil — soweit das System es zulässt. Doch genau dieses System stand an diesem Tag auf dem Prüfstand.

Lohn, der keiner ist

Der erste Punkt auf der Liste des Werkstattrates war der Lohn. Werkstattbeschäftigte erhalten einen Lohn weit unterhalb jedes Mindestlohns und weit entfernt von dem, was gesellschaftliche Teilhabe wirklich ermöglicht. Die Kritik ist nicht neu, aber sie bleibt so berechtigt wie vor Jahren. Wer arbeitet, soll von seiner Arbeit leben können. Das gilt auch — und gerade — für Menschen mit Beeinträchtigungen. Die Forderung nach einer fairen Vergütung ist keine Sonderforderung. Sie ist eine Frage der Würde.

Wohnen als ungeklärte Frage

Eng damit verknüpft ist die Wohnsituation. Im Rhein-Hunsrück-Kreis fehlt es an geeignetem, bezahlbarem Wohnraum für Menschen mit Behinderungen. Barrierefreiheit, Betreuungsangebote in der Nähe, bezahlbare Mieten — das alles zusammen zu finden ist auf dem Land häufig schlicht unmöglich. Hinzu kommt der eklatante Mangel an Kurzzeitpflegeplätzen. Wer als pflegender Angehöriger eine Auszeit braucht, steht vor dem Nichts. Das belastet nicht nur die Betroffenen selbst, sondern ganze Familien.

Eingliederungshilfe unter Druck

Besonders aufgewühlt hat die Runde das Thema der geplanten Kürzungen bei der Eingliederungshilfe. Was in Haushaltsplänen wie ein technischer Posten klingt, bedeutet im Alltag: weniger Unterstützung, weniger Personal, weniger Möglichkeiten. Für Menschen, die auf diese Hilfe angewiesen sind, ist das keine abstrakte Sparpolitik — das ist ein Eingriff in ihr Leben. Die Botschaft des Werkstattrates war eindeutig: Wir lassen uns das nicht gefallen, und wir wollen, dass das gehört wird.

Ein Gebäude aus einer anderen Zeit

Jochen Schink nutzte die Gelegenheit, um auf eine andere, aber nicht minder dringende Herausforderung hinzuweisen: Das Werkstattgebäude stammt aus den 1980er-Jahren und entspricht in vielerlei Hinsicht nicht mehr den heutigen Anforderungen. Besonders im Sommer wird es zum Problem: Der Hunsrück, einst bekannt für kühle Temperaturen, erlebt durch den Klimawandel zunehmend Hitzephasen, die das alte Gebäude kaum abzumildern vermag. Geplante und längst überfällige Sanierungsmaßnahmen warten noch immer auf ihre Umsetzung. Auch das ist eine Frage von Würde und Arbeitsbedingungen.

Politik und Teilhabe — zwei Seiten einer Medaille

Doch das vielleicht bewegendste Thema des Tages war die Frage nach politischer Beteiligung. Ob Menschen mit Beeinträchtigungen in der Politik willkommen sind. Ob ihre Stimme zählt. Ob man sich überhaupt Gehör verschaffen kann, wenn man nicht zur vermeintlichen Norm gehört.

Meine Antwort: Ja. Und: Es braucht mehr davon. Inklusion hört nicht an der Werkstatttür auf und nicht am Eingang eines Gemeinderats oder Landtags. Politische Teilhabe ist ein Grundrecht — und sie muss aktiv ermöglicht werden. Das bedeutet barrierefreie Kommunikation, zugängliche Veranstaltungsformate, Leichte Sprache, und vor allem: den Willen, wirklich zuzuhören.

Genau das haben wir an diesem Tag getan. Und ich bin froh darüber. Der Besuch in Kastellaun hat mir einmal mehr gezeigt, was passiert, wenn Menschen ernst genommen werden: Sie haben Konkretes zu sagen. Sie kennen ihre Situation besser als jede Statistik. Und sie wissen genau, was sich ändern muss.

Die Aufgabe der Politik ist es, das nicht nur zu hören — sondern zu handeln.

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