Die deutsche Stahlindustrie steht vor enormen Herausforderungen. Die Antwort der Bundesregierung auf unsere Kleine Anfrage zeigt jedoch: Beim Wasserstoffhochlauf, beim Aufbau der notwendigen Infrastruktur und bei verlässlichen Rahmenbedingungen für Investitionen fehlt weiterhin die nötige Geschwindigkeit. Damit geraten nicht nur die Transformation der Branche, sondern auch Standorte und Arbeitsplätze in Gefahr.
Die Stahlindustrie ist ein zentraler Pfeiler unserer industriellen Wertschöpfung. Sie liefert den Grundstoff für Autos, Maschinen, Windkraftanlagen, Schienen und zahlreiche weitere Produkte. Zugleich steht die Branche unter massivem Druck: durch eine schwache Nachfrage, hohe Energiepreise, internationale Überkapazitäten und die notwendige Umstellung auf eine klimaneutrale Produktion.
Mit einer Kleinen Anfrage haben wir die Bundesregierung deshalb nach ihrer Strategie für eine wettbewerbsfähige und klimaneutrale Stahlindustrie gefragt. Die Antworten machen deutlich: Die Bundesregierung erkennt viele Probleme an – konkrete Lösungen, verbindliche Zeitpläne und ausreichende Planungssicherheit bleiben jedoch an entscheidenden Stellen aus.
Wasserstoffhochlauf verzögert sich
Besonders deutlich wird das beim Wasserstoff. Die Bundesregierung räumt selbst ein, dass sich der Aufbau des Wasserstoffmarktes gegenüber den bisherigen Erwartungen verzögert. Die Erzeugungskosten für erneuerbaren und kohlenstoffarmen Wasserstoff seien bislang nicht wie erwartet gesunken und lägen teilweise deutlich über der Zahlungsbereitschaft möglicher Abnehmer.
Für die Stahlindustrie ist das ein erhebliches Problem. Unternehmen investieren bereits Milliarden in Direktreduktionsanlagen, die zunächst mit Erdgas und zunehmend mit klimaneutralem Wasserstoff betrieben werden sollen. Ohne ausreichende Mengen bezahlbaren Wasserstoffs können diese Anlagen ihr volles Potenzial zur CO₂-Minderung jedoch nicht ausschöpfen.
Hinzu kommt: Mehrere zentrale Stahlstandorte werden erst spät an das Wasserstoffkernnetz angeschlossen. Für Thyssenkrupp Steel Europe ist der Anschluss Anfang 2028 vorgesehen, für Salzgitter Flachstahl Anfang 2030 und für die Saar-Stahl-Holding sogar erst Anfang 2031.
Dazu erklärt Julian Joswig, Berichterstatter für die Stahlindustrie der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen:
„Der Widerspruch der Bundesregierung ist offensichtlich: Sie verteidigt den ETS, verschleppt aber gleichzeitig Wasserstoffhochlauf, Infrastruktur und die Umbauförderung. Damit riskiert sie, dass aus einem wirksamen Klimaschutzinstrument ein Kostenproblem für die Stahlindustrie wird. Genau das gefährdet am Ende Standorte und Arbeitsplätze.“
Emissionshandel braucht verlässliche Flankierung
Auch beim europäischen Emissionshandel bleiben entscheidende Fragen offen. Die Bundesregierung bezeichnet den ETS zu Recht als zentrales Instrument, das Investitionsanreize für klimaneutrale Technologien setzt. Sie erkennt zugleich an, dass der CO₂-Preis allein nicht ausreicht und durch Förderung, einen wirksamen Schutz vor Carbon Leakage sowie grüne Leitmärkte ergänzt werden muss.
Doch gerade bei diesen flankierenden Maßnahmen fehlt es an Klarheit. Unternehmen, die bereits Milliarden in neue Produktionsverfahren investieren, müssen sich darauf verlassen können, dass die politischen Rahmenbedingungen Bestand haben. Wer frühzeitig in klimaneutrale Anlagen investiert, darf nicht durch spätere Regeländerungen benachteiligt werden.
Die Bundesregierung kündigt zwar allgemein einen „abgestimmten Instrumentenmix“ und Planungssicherheit an. Wie diese konkret gewährleistet werden sollen, bleibt jedoch offen. Auf die Frage, wie politische Debatten über eine Abschwächung des ETS die Investitionsentscheidungen der Stahlindustrie beeinflussen, erklärt sie lediglich, keinen direkten Einblick in die Entscheidungen der Unternehmen zu haben.
Das reicht angesichts der Größenordnung und Langfristigkeit der anstehenden Investitionen nicht aus.
Wenig Konkretes nach dem Stahldialog
Auch beim Stahldialog der Bundesregierung fällt die Bilanz ernüchternd aus. Auf unsere Fragen nach angekündigten Arbeitsformaten, konkreten Ergebnissen und weiteren Terminen verweist die Bundesregierung vor allem auf reguläre Kontakte mit Unternehmen, Verbänden und Gewerkschaften.
Ein strukturierter Prozess mit klar benannten Verantwortlichkeiten, Zeitplänen und überprüfbaren Ergebnissen ist aus der Antwort nicht erkennbar. Dabei braucht die Branche gerade jetzt mehr als allgemeine Gesprächsbereitschaft. Sie braucht Entscheidungen.
Das gilt auch für den europäischen CO₂-Grenzausgleich CBAM. Die Bundesregierung erkennt Risiken wie Umgehungsmöglichkeiten, die Verlagerung emissionsintensiver Warenströme und den Import weiterverarbeiteter Produkte an. Auch bei einer möglichen Ausweitung des Instruments sowie beim Schutz von Exporten bleibt sie jedoch konkrete Antworten schuldig.
Transformation beschleunigen, Arbeitsplätze sichern
Die Zukunft der deutschen Stahlindustrie entscheidet sich nicht an der Frage, ob sie klimaneutral wird, sondern daran, ob die Transformation schnell genug gelingt und die klimaneutrale Produktion dauerhaft in Deutschland stattfindet.
Dafür braucht es einen beschleunigten Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur, ausreichende Mengen bezahlbaren Wasserstoffs, verlässliche Förderbedingungen, wirksame grüne Leitmärkte und einen starken europäischen Handelsschutz. Der Emissionshandel muss als Investitionssignal erhalten bleiben – zugleich müssen die Unternehmen die realistische Möglichkeit erhalten, ihre Produktion rechtzeitig umzustellen.
Die Bundesregierung darf sich deshalb nicht darauf beschränken, die Probleme zu beschreiben. Sie muss dafür sorgen, dass die Unternehmen investieren können, bevor Standorte, Wertschöpfung und Tausende gut bezahlte Industriearbeitsplätze verloren gehen.
Die vollständige Antwort der Bundesregierung auf unsere Kleine Anfrage „Lagebild der deutschen Stahlindustrie und Maßnahmen für nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit der Branche“ ist hier abrufbar.