Mehr als 50 Millionen Euro für den Mittelstand und Privathaushalte in der Region – Investitionsbereitschaft stärken, statt erfolgreiche Förderung zurückfahren

Die KfW hat im ersten Halbjahr 2026 Förderfinanzierungen in Höhe von 103,2 Millionen Euro für die Landkreise Cochem-Zell, Rhein-Hunsrück und Bernkastel-Wittlich zugesagt. Insgesamt wurden 1.620 Förderzusagen erteilt. Besonders stark ist die Nachfrage im regionalen Mittelstand: Auf Unternehmen entfielen 86 Zusagen mit einem Volumen von 50,7 Millionen Euro, unter anderem für Digitalisierung, Innovation, Gründungen, Unternehmensinvestitionen sowie Energieeffizienz und erneuerbare Energien.

Die Zahlen zeigen: Unsere regionalen Unternehmen modernisieren ihre Betriebe, entwickeln neue Geschäftsmodelle und setzen auf Digitalisierung sowie erneuerbare Energien. Mehr als 50 Millionen Euro KfW-Finanzierungen in nur sechs Monaten sind ein starkes Signal für die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit unserer Region.

Besonders hoch war das Fördervolumen im Landkreis Bernkastel-Wittlich mit 31,4 Millionen Euro, davon 25,4 Millionen Euro für Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Im Rhein-Hunsrück-Kreis wurden 18,3 Millionen Euro für den Mittelstand zugesagt. Schwerpunkte waren dort Innovation und Digitalisierung mit 7,7 Millionen Euro sowie Gründungen und Unternehmensinvestitionen mit 8,8 Millionen Euro. Auch private Haushalte nutzten die Programme intensiv: Auf sie entfielen 1.521 Zusagen über 48,5 Millionen Euro, darunter 1.157 Zusagen und 16,2 Millionen Euro für die Heizungsförderung.

Die hohe Nachfrage macht deutlich, wie wichtig verlässliche Förderprogramme sind. Wer investieren will, braucht Planungssicherheit. Deshalb ist es falsch, dass die Bundesregierung ausgerechnet jetzt Teile der Gebäudeförderung zurückfährt. Zum 21. Juli 2026 sind neue Förderbedingungen für die Bundesförderung für effiziente Gebäude in Kraft getreten. Unter anderem entfällt der zusätzliche Effizienzbonus von fünf Prozentpunkten für Gebäude mit Erneuerbare-Energien-Klasse; zudem wurden Förderkonditionen für verschiedene Effizienzhaus-Stufen und kommunale Programme angepasst.

Die KfW-Zahlen belegen eine hohe Nachfrage nach Investitionen in Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche müsste diese Dynamik nutzen. Stattdessen reduziert die Bundesregierung Förderanreize und streicht ausgerechnet den Bonus für die Erneuerbare-Energien-Klasse. Das kann Investitionen verteuern und schafft neue Unsicherheit. Für Mittelstand, Handwerk und private Haushalte ist das das völlig falsche Signal.

Bundesweit stiegen die KfW-Neuzusagen im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 46 Prozent auf 57,7 Milliarden Euro. Die Mittelstandsförderung für Klima- und Umweltvorhaben hat sich auf 11,2 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Klimaschutz und Wirtschaftsstärke gehören zusammen. Diese Investitionsbereitschaft sollten wir unterstützen, statt sie durch einen politischen Zickzackkurs auszubremsen.

Niedrigwasser-Krise am Rhein und die Folgen für Wirtschaft und Schifffahrt

Das aktuelle Niedrigwasser am Rhein und anderen Flüssen ist eine klimabedingte Dürrekrise mit weitreichenden Folgen. Der Zustand ist katastrophal für Natur und Tierwelt, beeinträchtigt die Schifffahrt massiv und bringt somit Lieferketten zunehmend unter Druck. Wenn Schiffe nur noch mit reduzierter Ladung fahren können, steigen die Transportkosten und das kann sich am Ende auch in höheren Preisen für Unternehmen sowie für Verbraucherinnen und Verbraucher niederschlagen.

Das heutige Krisentreffen von Bundesverkehrsminister Bilger kommt viel zu spät. Die Entwicklung hat sich seit Wochen abgezeichnet. Statt erst zu reagieren, wenn die Pegelstände zu niedrig sind, braucht es eine vorausschauende Strategie, wie Deutschland mit den gravierenden und zunehmend sichtbaren Folgen der Erderhitzung umgeht. Solche Krisensitzungen dürfen deshalb keine einmaligen Veranstaltungen bleiben.

Technische Maßnahmen wie Vertiefungen der Fahrrinnen für die Schifffahrt, etwa im Fall der geplanten Abladeoptimierung Mittelrhein, können der Schifffahrt bei Niedrigwasser zwar kurzfristig helfen, lösen aber nicht das grundlegende Problem. Sie verteilen das knappe Wasser lediglich an tiefere Stellen. Sie schaffen keinerlei zusätzliches Wasser. Gleichzeitig müssen bei solchen Eingriffen auch die Folgen für die Umwelt berücksichtigt werden, insbesondere in den ökologischen sensiblen Uferbereichen. Unsere Flüsse dürfen nicht nur als Verkehrswege betrachtet werden, sondern sind wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanzen sowie wichtige Trinkwasserquellen.

Deshalb braucht es einen umfassenden Ansatz: Wir müssen die Binnenschifffahrt besser auf häufigere Niedrigwasserereignisse vorbereiten, etwa durch die Unterstützung moderner Niedrigwasserschiffe. Vor allem aber braucht Deutschland endlich eine konsequente Klimaanpassungspolitik und einen entschlossenen Klimaschutz.

Der Sommer 2026 zeigt so deutlich wie selten zuvor, welche Folgen der Klimawandel bereits heute für Mensch, Natur und Wirtschaft hat. Trotzdem adressiert die Bundesregierung diese Realität viel zu wenig und verschärft mit ihrer fehlgeleiteten Wirtschafts- und Energiepolitik die Krise weiter. Wer nur über die Symptome spricht, aber die Ursachen ignoriert, wird die Probleme nicht lösen.

Besuch beim Verein Berufliches und Soziales Lernen (VBS) in Sohrschied (Hunsrück)

Im Rahmen meiner Sommertour habe ich den Verein Berufliches und Soziales Lernen (VBS) in Sohrschied besucht – eine Einrichtung, die seit 42 Jahren wichtige Arbeit im Rhein-Hunsrück-Kreis leistet und dabei zwei Dinge verbindet, die selten so überzeugend zusammenkommen: berufliche Perspektive und soziale Verantwortung.

Geschichte und Auftrag

Der VBS wurde 1984 als gemeinnütziger Verein gegründet, um der Jugendarbeitslosigkeit im Rhein-Hunsrück-Kreis zu begegnen. Bereits 1985 entstanden in der neu eingerichteten Tischlerei erste Berufsvorbereitungskurse für arbeitslose Jugendliche, ab 1986 folgte die reguläre Ausbildung und Umschulung zu Tischlerinnen und Tischlern. Bis 2015 haben über 150 Personen hier erfolgreich ihre Gesellenprüfung abgelegt – eine beeindruckende Bilanz für einen Verein dieser Größe.

Ausbildung mit Haltung

Jedes Ausbildungsjahr nimmt der VBS bis zu fünf neue Auszubildende auf – junge Menschen, die aufgrund unterschiedlicher Lebensumstände auf dem regulären Ausbildungsmarkt bislang keinen Fuß fassen konnten. Unter der fachlichen Anleitung von Meister Martin Bollhorst lernen sie das Tischlerhandwerk in all seinen Facetten und fertigen im Kundenauftrag Vollholzmöbel, Treppen und Türen. Dabei wird konsequent auf einheimische Hölzer gesetzt – ein klares Bekenntnis zum Schutz der Umwelt und zum Bewusstsein für globale ökologische Zusammenhänge.

Der Name „Soziales Lernen“ ist Programm: Es geht um mehr als reine Fachkompetenz. Anleitendes Personal und Auszubildende verstehen sich als Team, in dem die Jugendlichen in ausgewählten Bereichen selbstständig und eigenverantwortlich planen, organisieren und arbeiten. Beim gemeinsamen Frühstück kamen wir mit zwei Auszubildenden ins Gespräch, die vor einigen Jahren aus Eritrea und dem Sudan geflüchtet sind und ihr erstes Ausbildungsjahr erfolgreich abgeschlossen haben. Ihre Geschichten und ihr Blick auf die neue berufliche Heimat haben mich sehr berührt.

Tagungshaus und neues Waffelcafé

Der VBS verfügt über ein Tagungshaus mit 50 Betten, das Schulklassen, Vereinen und privaten Initiativen zur Verfügung steht und damit weit über die eigentliche Ausbildungsarbeit hinaus zur regionalen Infrastruktur beiträgt. Über die Jahre konnte der Verein verschiedene LEADER-Projekte realisieren, zuletzt ein kleines Waffelcafé mit eigener Küche. Sonntags versorgt es Wanderinnen und Wanderer mit frischen Waffeln und Getränken – ein charmantes Beispiel dafür, wie Fördermittel vor Ort sichtbaren Mehrwert schaffen.

Begegnungen

Besonders bereichernd war der Austausch mit der ehemaligen Hausleiterin Frau Engelmann, die von den Anfängen des VBS erzählte, sowie mit der heutigen Hausleiterin Sabine Bollhorst, die offen über die Hürden und Herausforderungen der täglichen Arbeit berichtete – ohne dass dabei die schönen Geschichten zu kurz kamen. Auch Vorstandsmitglied Alice Hawig war beim Besuch dabei.

Fazit

Der VBS zeigt seit über vier Jahrzehnten, wie berufliche Bildung und soziale Integration zusammengedacht werden können. Für junge Menschen, die anderswo durchs Raster fallen, entsteht hier eine echte zweite Chance – handwerklich fundiert, ökologisch verantwortungsvoll und menschlich getragen. Ein Besuch, der einmal mehr deutlich gemacht hat, wie wichtig die verlässliche Förderung solcher Projekte im ländlichen Raum ist.

Besuch bei der IHK-Regionalgeschäftsstelle Rhein-Hunsrück

Am 28. Juli 2026 besuchte ich gemeinsam mit Fabian Ehmann, Mitglied des Mainzer Landtags, und dem geschäftsführenden Vorstand von Bündnis 90/Die Grünen im Rhein-Hunsrück-Kreis die IHK-Regionalgeschäftsstelle Rhein-Hunsrück in Simmern. Auf Seiten der Kammer nahmen Florian Block, neuer Regionalgeschäftsführer der IHK, Hildegard Kaefer, Vizepräsidentin der IHK, sowie René Dauer, Vorsitzender des IHK-Regionalbeirats, teil.

Die IHK-Regionalgeschäftsstelle ist die zentrale Anlaufstelle für die Unternehmen vor Ort. Sie berät in wirtschaftsrelevanten Fragen und vertritt die Interessen der Betriebe gegenüber Politik und Verwaltung. Die regionale Wirtschaft im Rhein-Hunsrück-Kreis und im Kreis Cochem-Zell ist dabei vielfältig und geprägt von innovativem Mittelstand und traditionsreichen Familienbetrieben.

Im Mittelpunkt des Gesprächs stand ein sehr intensiver Austausch über die akuten Problematiken des Unternehmertums im Hunsrück. Ein zentrales Thema waren dabei die derzeitigen US-Zölle, die auf viele Betriebe in der Region einen sehr hohen Druck ausüben. Hinzu kommen Wünsche aus der Unternehmerschaft im Kreis, die sich angesichts des Klimawandels und der Hinwendung zu erneuerbaren Energien mehr Zutrauen zu guten Entscheidungen sowie weniger Bürokratie bei Genehmigungsprozessen wünschen. Es wurde deutlich, dass die Dauer der Verfahren eine vitale Rolle für die Profitabilität spielt – besonders bei Neugründungen oder Betriebsübernahmen, bei denen langwierige Prozesse häufig existenzielle Bedeutung haben.

Hildegard Kaefer brachte auch die Ungeduld vieler Betriebe zum Ausdruck und stellte die Frage, wann die derzeitige Landesregierung endlich ins Tun komme – es gebe schließlich so viele Aufgaben anzugehen. Fabian Ehmann versuchte, diese Sicht einzuordnen und berichtete von der Neusortierung der Ministerien sowie der notwendigen Einarbeitung in die jeweiligen Ressorts nach einem Regierungswechsel. Dominik Loch, Kreisvorsitzender der Grünen ergänzte als Ministerialreferent die Perspektive auf die behördlichen Prozesse und die praktische Umsetzung neuer Gesetze.

Insgesamt war es ein sehr wertschätzender Termin, der von gegenseitigem Verständnis für die jeweiligen Perspektiven geprägt war. Am Ende stand das gemeinsame Versprechen, den Austausch künftig regelmäßig fortzusetzen und einen engen Kontakt zwischen Politik und regionaler Wirtschaft zu pflegen.

Besuch beim Reiterhof Equi-Art in Schwall bei Emmelshausen

Gemeinsam mit Mitgliedern von Bündnis 90/Die Grünen Rhein-Hunsrück sowie Fabian Ehmann, Mitglied des Landtags aus Mainz und Sprecher für Energie & Klimaschutz, Sport und Ehrenamt und Gründungen, habe ich den Reiterhof Equi-Art Reitkunst in Schwall im Hunsrück besucht.

Der Hof hat sich auf die Ausbildung nach klassisch-barocken Grundsätzen spezialisiert und legt seinen Fokus auf ein pferdegerechtes, feines Reiten. Für den Einzelunterricht stehen erstklassig ausgebildete iberische Lehrpferde zur Verfügung, vor allem Andalusier und Lusitanos, die als Schulpferde einen hohen Qualitätsstandard sichern. Das Angebot reicht von Beritt über Speziallehrgänge, etwa im Bereich Working Equitation, bis hin zu Theorieabenden und Fach-Workshops. Aktuell baut der Hof zudem eine Kinderreitschule auf, um schon früh an die klassische Reitausbildung heranzuführen.

Besonders beeindruckt hat Fabian und mich, wie ganzheitlich die Tiere auf dem Hof betreut werden. Feuchtes Heu kommt zur Linderung von Allergien zum Einsatz, ergänzt durch Behandlungen in einer eigens gebauten Sole-Box, die allergisch bedingte Beschwerden der Pferde spürbar mindert. Auch bei der Einstreu in den Boxen setzt der Hof auf eine Lösung, die sich anschließend zu Biodünger weiterverarbeiten lässt – ein kleiner, aber konsequenter Beitrag zu Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit im Reitsport.

Julian Joswig und Fabian Ehmann

Im Gespräch vor Ort wurde deutlich, wie sehr ein solcher Betrieb zur ländlichen Wertschöpfung im Hunsrück beiträgt: Er schafft Arbeitsplätze, zieht Reitsportinteressierte auch von außerhalb der Region an und stärkt zugleich die Sportlandschaft vor Ort. Gerade Betriebe mit einem derart spezialisierten und hochwertigen Angebot zeigen, welches Potenzial in der Verbindung von Sport, Tourismus und regionaler Wirtschaft.

Der Besuch war ein gutes Beispiel dafür, wie eng ländlicher Raum, unternehmerisches Engagement und Sportkultur miteinander verwoben sind – und wie wichtig es ist, solche Betriebe im Hunsrück sichtbar zu machen und zu unterstützen.

Die EU darf nicht diejenigen bestrafen, die früh gehandelt haben.

Nun ist klar: Die EU-Kommission will den europäischen Emissionshandel abschwächen. Darüber können sich vor allem jene Unternehmen freuen, die den Umbau bisher verschleppt haben. Enttäuscht werden diejenigen sein, die früh investiert und auf einen verlässlichen europäischen Klimakurs gesetzt haben.

Viele Unternehmen haben Milliarden in klimafreundliche Technologien gesteckt, weil sie sich auf einen stabilen CO₂-Preis verlassen haben. Nun soll die Verknappung der Zertifikate offenbar schon ab 2031 deutlich verlangsamt werden: Der lineare Reduktionsfaktor soll zunächst auf 3,7 Prozent und ab 2036 sogar auf 1,7 Prozent sinken.

Das setzt den CO₂-Preis unter Druck und gefährdet den Business Case von Unternehmen, die vorangegangen sind. Zu glauben, dass die Industrie trotzdem im gleichen Tempo weiter investiert, ist ziemlich naiv. Wer Investitionen will, muss verlässliche Rahmenbedingungen schaffen und darf sie nicht im Nachhinein verschlechtern.

Richtig dagegen ist es, die Einnahmen aus dem Emissionshandel stärker für den industriellen Umbau einzusetzen. Das hilft auch, der schwierigen Lage der Unternehmen etwas entgegenzusetzen. Doch die Kommission muss sicherstellen, dass das Geld tatsächlich in klimaneutrale Produktion investiert wird. 2024 flossen im Durchschnitt nur rund fünf Prozent der ETS-Einnahmen in die industrielle Dekarbonisierung. Dieses Geld darf nicht im allgemeinen Haushalt versickern!

Zweifelsfrei ist die Lage vieler energieintensiver Unternehmen sehr herausfordernd. Aber der Emissionshandel ist nicht die Ursache ihrer Probleme. Hohe und volatile Preise für fossile Energien, fehlende Netze und Infrastruktur sowie eine zu geringe Nachfrage nach klimafreundlichen Produkten belasten die Industrie.

Genau dort muss Politik ansetzen: mit bezahlbarem erneuerbarem Strom, CO₂-Differenzverträgen, grünen Leitmärkten und einer verlässlichen Förderung für den Umbau. Wir brauchen mehr Investitionen in den Umbau.

Der ETS funktioniert. Er senkt Emissionen, schafft Investitionsanreize und macht Europa unabhängiger von fossilen Energien. Wer er jetzt abschwächt wird, gefährdet das nicht nur den Klimaschutz, sondern auch Europas industrielle Zukunft.

Der richtige Weg ist nicht, den ETS auszuhöhlen, sondern Unternehmen beim Umbau zu unterstützen. Die EU darf nicht diejenigen bestrafen, die früh gehandelt haben.

Wer den Emissionshandel schwächt, gefährdet Europas industrielle Zukunft

Die Recherche von Correctiv zeigt, wie massiv Teile der Chemielobby derzeit versuchen, den Europäischen Emissionshandel abzuschwächen. Mit gezieltem Druck in Brüssel und Berlin soll das wichtigste Klimaschutzinstrument der EU aufgeweicht werden – ausgerechnet jetzt, wo Industrie und Investoren vor allem eines brauchen: Verlässlichkeit.

Klar ist: Die europäische Industrie steht unter enormem Druck. Energiepreise, internationaler Wettbewerb und unsichere Lieferketten belasten viele Unternehmen. Gerade energieintensive Betriebe in der Chemie-, Stahl- oder Grundstoffindustrie sind wichtige Arbeitgeber und prägen ganze Regionen. Unser Anspruch muss deshalb sein, Europa und Deutschland als starke Industriestandorte zu sichern.

Aber den ETS aufzuweichen, ist dafür der falsche Weg.

Der Europäische Emissionshandel ist kein planwirtschaftliches Instrument, sondern ein marktwirtschaftlicher Hebel: Wer viel CO₂ ausstößt, zahlt dafür. Wer in klimafreundliche Technologien investiert, profitiert. Genau deshalb braucht es klare Preissignale statt neuer Ausnahmen. Länger kostenlose Zertifikate oder ein späteres Ende der Versteigerung würden das Prinzip umkehren: Fossiles „Weiter so“ würde wieder attraktiver, First Mover würden ausgebremst und Nachzügler belohnt. Das gefährdet Innovation, Jobs und Wettbewerbsfähigkeit.

Industriepolitik darf nicht heißen, Klimaschutzinstrumente zu schleifen. Sie muss heißen: bezahlbarer erneuerbarer Strom, schnellere Netze, Wasserstoffinfrastruktur, grüne Leitmärkte und verlässliche Investitionsbedingungen.

Der Europäische Emissionshandel ist das Rückgrat des Green Deal. Für Deutschland ist seine Einhaltung auch verfassungsrechtlich zentral: Ambitionierter Klimaschutz ist keine freiwillige Option, sondern staatliche Verpflichtung gegenüber heutigen und künftigen Generationen.

Wer den ETS I schwächt, schwächt deshalb nicht nur den Klimaschutz, sondern auch Europas industrielle Zukunft. Die Bundesregierung muss jetzt klar sagen, auf welcher Seite sie steht.

Reisebericht: Armenien zwischen Erinnerung, Flucht und europäischer Zukunft

Armenien auf europäischem Kurs

In den vergangenen Tagen war ich als Teil einer Delegation in Armenien. Im Mittelpunkt der Reise standen die Folgen der Flucht der armenischen Bevölkerung aus Bergkarabach, der Friedensprozess mit Aserbaidschan und Armeniens wachsender Wunsch nach einer engeren Anbindung an Europa. In den Gesprächen mit der armenischen Regierung, dem Parlament, Vertreter der Zivilgesellschaft und internationalen Partnern wurde deutlich: Armenien befindet sich in einer schwierigen, aber wichtigen politischen Phase. Die Regierung setzt auf einen klar pro-europäischen Kurs, mehr demokratische Resilienz und größere Unabhängigkeit von Russland.

Erinnerung und Verantwortung

Ein besonders wichtiger Termin war die Kranzniederlegung an der Genozid-Gedenkstätte Tsitsernakaberd in Jerewan. Dort haben wir der Opfer des Völkermords an den Armenier im Osmanischen Reich gedacht. Vor zehn Jahren hat der Deutsche Bundestag den Völkermord in einer fraktionsübergreifenden Resolution anerkannt. Das war ein wichtiges Zeichen – nicht nur gegenüber Armenien, sondern auch für die Aufarbeitung deutscher Mitverantwortung. Eine gemeinsame Kultur des Erinnerns bleibt eine Grundlage glaubwürdiger Außenpolitik.

Sicherheit an Europas östlicher Nachbarschaft

Gemeinsam mit der zivilen EU-Mission waren wir im Grenzgebiet zu Aserbaidschan unterwegs. Auch die Grenze zum Iran liegt dort nur wenige Kilometer entfernt. Der Besuch hat gezeigt, wie konkret europäische Sicherheitspolitik in Armenien geworden ist: Präsenz, Beobachtung und Unterstützung vor Ort leisten einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung. In Gesprächen mit der EU-Delegation, der EU-Sonderbeauftragten-Struktur für den Südkaukasus, der deutschen Botschaft sowie Vertreter deutscher Organisationen wie GIZ, KfW, DAAD, politischer Stiftungen und des deutschen Wirtschaftsverbands ging es darum, wie Deutschland und Europa Armenien auf seinem Weg weiter unterstützen können.

Begegnung mit Geflüchteten aus Bergkarabach

Der bewegendste Termin der Reise war der Austausch mit geflüchteten Frauen aus Bergkarabach. Nach der vollständigen Übernahme der Region durch Aserbaidschan im September 2023 flohen fast alle der rund 120.000 armenischen Einwohner größtenteils ins armenische Kernland. Viele mussten ihre Heimat, ihre Häuser und ihre wirtschaftliche Existenz von einem Tag auf den anderen zurücklassen. Die Frauen berichteten davon, wie sie sich mit ihren Familien ein neues Leben aufbauen mussten. Mit europäischer Unterstützung konnten sie Qualifizierungen erhalten, psychosoziale Hilfe bekommen, Arbeit finden oder sich selbstständig machen. Davor habe ich großen Respekt. Es ist gut und wichtig, dass Deutschland hier unter anderem über die GIZ konkret unterstützt.

Europa muss Armenien verlässlich begleiten

Die Reise hat deutlich gemacht: Armenien steht vor enormen sicherheitspolitischen, humanitären und wirtschaftlichen Herausforderungen. Zugleich gibt es einen starken Willen, das Land demokratisch, europäisch und unabhängiger von Russland auszurichten. Für Deutschland und Europa sollte daraus ein klarer Auftrag folgen: Armenien braucht verlässliche politische Unterstützung, praktische Zusammenarbeit und eine europäische Perspektive, die mehr ist als Symbolik. Gerade in einer geopolitisch so sensiblen Region muss Europa präsent sein – für Frieden, Souveränität, Menschenrechte und demokratische Entwicklung.

Politische Bildung in Berlin: BPA-Fahrt aus Rheinland-Pfalz zu Gast

Wie arbeitet Politik in Berlin genau? Welche Rolle spielen Sicherheitsbehörden, Ministerien und Parlament in Zeiten wachsender internationaler Unsicherheit? Und warum bleibt Erinnerungskultur eine zentrale Grundlage unserer Demokratie?

Diesen Fragen ging eine Besuchergruppe aus meinem und umliegenden Wahlkreisen letzte Woche im Rahmen einer politischen Informationsfahrt des Bundespresseamts nach Berlin nach. Auf dem Programm standen Einblicke in verschiedene Institutionen des Bundes, darunter ein Informationsgespräch beim Bundesnachrichtendienst sowie ein Gespräch im Bundesministerium der Verteidigung.

Ein besonders eindrücklicher Programmpunkt war der Besuch der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Der ehemalige zentrale Untersuchungsort der Staatssicherheit macht deutlich, was politische Verfolgung, Repression und Entrechtung konkret bedeuten – und warum Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Freiheit niemals selbstverständlich sind.

Auch der Besuch im Bundestag war ein kleines Highlight im Programm: mit einem Besuch im Reichstagsgebäude, der Kuppel und einem Einblick in die parlamentarische Arbeit meines Büros. Ergänzt wurde die Fahrt durch eine politische Stadtrundfahrt sowie den Besuch im Futurium, wo Zukunftsfragen von Wissenschaft, Gesellschaft und Politik im Mittelpunkt standen.

Wer Lust hat, selbst einmal politische Bildung in Berlin aus nächster Nähe zu erleben und bei einer BPA-Fahrt mitzufahren, findet hier weitere Informationen.

Starke Männer übernehmen Verantwortung – Eine Einladung für moderne Männlichkeit

Gemeinsam mit anderen GRÜNEN habe ich einen Text zu einem Thema unterzeichnet, das mich sehr umtreibt: Männlichkeit – und wie Influencer aus der „Manosphere“, rechte Politiker und andere sie gezielt definieren wollen. Viel zu lange wurde von progressiver Seite darüber gesprochen, wie Männer nicht sein sollen, wir wollen vielmehr eine moderne, einladende Perspektive daruf werfen, wie Männlichkeit positiv wirken kann.

Starke Männer übernehmen Verantwortung – Eine Einladung für moderne Männlichkeit

Jahrhundertelang wurde Männlichkeit über Dominanz definiert. Ein Mann war stark, wenn er sich nahm, was er wollte – notfalls gegen Widerstand. Er war erfolgreich, wenn er andere unterwarf. Er war respektiert, wenn er keine Schwäche zeigte. Dieses Männerbild hat unermessliches Leid verursacht, vor allem bei Frauen, die diesem System unterworfen waren. Der Feminismus hat dagegen gekämpft, und das war bitter nötig. Und er kämpft immer noch, weil die Strukturen nachwirken.

Aber in diesem notwendigen Kampf ist etwas auf der Strecke geblieben: Wir haben definiert, was Männer nicht sein sollen: Nicht gewalttätig, nicht dominant, nicht unterdrückend. Alles richtig. Alles wichtig. Aber wir haben vergessen, ein Angebot zu machen, was Männlichkeit stattdessen sein kann. Wir haben ein Vakuum geschaffen, und in dieses Vakuum strömen jetzt die alten Bilder zurück. Andrew Tate und seine Nachahmer füllen die Leerstelle mit genau dem Gift, das wir überwinden wollten. Sie versprechen jungen Männern Orientierung, Stärke, Bedeutung – und liefern ihnen eine Anleitung zur Selbst- und vor allem Fremdversklavung. Es reicht aber nicht, gegen toxische Männlichkeit zu sein und deren Propagandisten zu belächeln. Wir brauchen ein positives Bild, was gute Männlichkeit sein kann. Dieser Text ist dafür ein Versuch. Wir wollen moderne Männlichkeit. 

Moderne Männlichkeit ist keine Absage an Stärke. Im Gegenteil! Sie ist eine Absage an ein enges, verkümmertes Verständnis von Stärke, das nur Härte kennt und Verletzlichkeit als Schwäche diffamiert. Moderne Männlichkeit bedeutet die Freiheit, der Mann zu sein, der du sein willst – in der Verantwortung für andere. Du willst jeden Tag ins Gym gehen und achtest auf deine Ernährung? Hervorragend, dass du daran Spaß hast und gesund lebst. Mach das. Du willst für deine Familie sorgen können? Großartig. Das ist eine Form von Fürsorge, die Respekt verdient. Du willst beschützen können? Ja, bitte. Die Welt braucht Menschen, die sich schützend vor andere stellen.

Und gleichzeitig – und hier wird es entscheidend – moderne Männlichkeit bedeutet zu verstehen, dass wahre Stärke nicht darin liegt, andere klein zu machen, sondern gemeinsam zu wachsen. Dass Beschützen und Verantwortung Augenhöhe bedeutet und allen zugutekommt. Das alte Männerbild war ein Käfig, nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer selbst. Es hat Männer in Rollen gezwungen, die sie krank gemacht haben. Moderne Männlichkeit ist die Voraussetzung für wirkliche Gleichstellung. Denn die Statistiken sind eindeutig: Männer begehen häufiger Suizid und sprechen seltener über ihre Probleme. Das alte Bild hat Männer von ihrer eigenen Menschlichkeit abgeschnitten, und genau deshalb brauchen wir einen anderen Weg. Wir brauchen einen Weg, der Stärke nicht durch Unterdrückung definiert, sondern durch die Fähigkeit, Räume zu öffnen, statt sie zu verschließen.

Moderne Männlichkeit zeigt sich im Alltag. Sie zeigt sich im Vater, der sich Zeit nimmt für seine Kinder, der Windeln wechselt und Tränen trocknet, weil Fürsorge keine Geschlechterfrage ist. Sie zeigt sich im Partner, der Gespräche führt, statt Konflikte zu vermeiden, der Emotionen zulässt, statt sie wegzudrücken. Sie zeigt sich im Kollegen, der eine Kollegin unterstützt, statt sie zu untergraben, der Erfolg nicht als Nullsummenspiel begreift, sondern als etwas, das wächst, wenn wir es teilen. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, Nein zu sagen zu den Erwartungen, die nicht zu dir passen. Du musst nicht der Ernährer sein, wenn deine Partnerin das besser kann oder will. Du musst nicht ständig konkurrieren. Du darfst weinen. Du darfst Hilfe brauchen und sie in Anspruch nehmen. Das ist keine Schwäche, sondern einfach Menschsein.

Gleichzeitig darfst du stark sein wollen. Du darfst Ambitionen haben. Moderne Männlichkeit ist kein Verzicht auf Durchsetzungsvermögen, sondern die Einsicht, dass es darauf ankommt, wie und wofür du dich durchsetzt. Setzt du dich durch, um andere zurückzudrängen? Oder um Räume zu öffnen? Nutzt du deine Stärke, um zu dominieren? Oder um zu ermöglichen? Diese Fragen machen den Unterschied zwischen einem Männerbild, das einschränkt, und einem, das befreit.

Das alte Männerbild war eine Rollen-Diktatur. Es gab nur einen richtigen Weg, Mann zu sein, und wer davon abwich, wurde aussortiert. Schwul? Nicht männlich genug. Sensibel? Nicht männlich genug. Künstlerisch? Nicht männlich genug. Dieses System hat unzählige Männer zerbrochen, die einfach nur sie selbst sein wollten. Moderne Männlichkeit ist inklusiv. Sie sagt: Es gibt unendlich viele Wege, ein Mann zu sein. Du kannst hart arbeiten oder Work-Life-Balance leben. Du kannst Muskeln aufbauen oder Poetry Slams schreiben, und sogar beides. Du kannst Fußball schauen oder tanzen gehen, und sogar beides. Du kannst Karriere machen oder Hausmann sein, und sogar beides.

Dabei ist diese Freiheit keine Beliebigkeit. Das gemeinsame Element ist Verantwortung. Verantwortung für Familie, Freunde oder den Sportverein. Die Verantwortung, diese Freiheit auch anderen zuzugestehen. Die Verantwortung, Strukturen zu bekämpfen, die andere Menschen einschränken, egal welchen Geschlechts. Und die Verantwortung, sich selbst immer wieder zu hinterfragen: Lebe ich gerade nach meinen eigenen Werten? Oder nach den Erwartungen eines Systems, das mich und andere einschränkt.

Junge Männer wachsen in einer Welt auf, die ihnen widersprüchliche Signale sendet. Einerseits wird ihnen gesagt, dass toxische Männlichkeit schlecht ist – zu Recht. Andererseits bekommen sie kaum Orientierung, was gut ist. In diese Lücke stoßen Figuren, die ihnen das alte Gift in neuer Verpackung verkaufen, die ihnen erzählen, der Feminismus habe ihnen ihre Männlichkeit geraubt, oder die ihnen versprechen, sie könnten ihre Würde zurückgewinnen, indem sie Frauen abwerten. Das ist eine Lüge. Und es ist eine gefährliche Lüge, weil sie verfängt, weil sie simple Antworten auf komplexe Fragen gibt, weil sie ein Feindbild liefert und damit das Gefühl von Kontrolle in einer Welt, die sich unkontrollierbar anfühlt.

Moderne Männlichkeit ist ein Teil unserer Antwort darauf. Feminismus kämpft dafür, Frauen von einengenden Rollenbildern zu befreien. Zu Feminismus gehört auch moderne Männlichkeit. Sie befreit Männer von einengenden Rollenbildern. Das sind keine konkurrierenden Projekte, sondern Projekte mit dem gleichen Ziel: Mehr Freiheit für alle. Es geht darum zu verstehen, dass die Befreiung der einen nicht die Unterdrückung der anderen bedeuten muss, dass wir nicht in einem Machtkampf gefangen sein müssen, in dem die eine Hälfte gewinnt und die andere verliert. Es gibt einen Weg, wie wir alle gewinnen. Diesen Weg beschreiten wir, wenn wir aufhören, Freiheit als knappes Gut zu behandeln, das man aufteilen muss, sondern das mehr wird, wenn wir es allen ermöglichen.

Dieser Text ist kein Regelwerk, sondern eine Einladung, Männlichkeit neu zu denken. Nicht als Abkehr von Stärke, sondern als Erweiterung dessen, was Stärke bedeuten kann. Nicht als Schwäche, sondern als Mut – der Mut, gegen die Erwartungen anzugehen, die uns klein halten, der Mut, verwundbar zu sein, ohne uns weniger wertvoll zu fühlen, der Mut, andere groß werden zu lassen, ohne Angst zu haben, selbst kleiner zu werden. Moderne Männlichkeit kämpft gegen Systeme, die uns alle einschränken, Männer wie Frauen. Sie kämpft für eine Welt, in der jeder Mensch frei sein kann, ohne dass die Freiheit des einen die Unfreiheit des anderen bedeutet.

Sie kämpft dafür, dass ein 15-jähriger Junge heute nicht zwischen toxischer Dominanz und orientierungsloser Beliebigkeit wählen muss, sondern ein weiteres Angebot bekommt: Sei der Mann, der du sein willst. Und übernehme Verantwortung dafür, dass andere die gleiche Freiheit haben. Das ist moderne Männlichkeit. Freiheit in Verantwortung. Stärke, die ermöglicht statt einschränkt.

Unterzeichner:innen

  • Julian Joswig, MdB
  • Theo Löcker, Gemeinderat Grüne Wien
  • Franziska Brantner, MdB
  • Ricarda Lang, MdB
  • Terry Reintke, MdEP
  • Jeanne Dillschneider, MdB 
  • Tim Achtermeyer, MdL NRW
  • Rasmus Andresen, MdEP
  • Robin Wagener, MdB
  • Jasper Balke, MdL Schleswig-Holstein
  • Benedikt Döllmann, Gemeinderat Tübingen
  • Max Lucks, MdB
  • Zeno Oberkofler, Landtagsabgeordneter Südtirol
  • Peter Kraus, Gemeinderat Grüne Wien
  • Tjark Melchert, Mitglied Grüne Niedersachsen