Deutschland kann seine Klimaziele erreichen und bis 2045 treibhausgasneutral werden. Dafür müssen wir unsere Emissionen konsequent senken. Gleichzeitig werden wir Verfahren benötigen, mit denen CO₂ dauerhaft aus der Atmosphäre entfernt und sicher gespeichert werden kann.
Wie vielfältig diese Lösungen bereits heute sind, hat die CDR Experience Tour des Deutschen Verbands für negative Emissionen e. V. gezeigt. Zwei Tage lang war ich gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik im Großraum München und Nürnberg unterwegs. Auf dem Programm standen Unternehmen, Forschungsprojekte und Anlagen, die unterschiedliche Ansätze zur CO₂-Entnahme erproben und in die praktische Anwendung bringen.
Natürliche und technische CO₂-Senken
Bei Pina Earth ging es darum, wie modernes Waldmanagement natürliche Kohlenstoffsenken stärken kann. Das Unternehmen entwickelt regionale Waldklimaprojekte und unterstützt Waldbesitzer dabei, anfällige Waldbestände in artenreiche und klimaresiliente Mischwälder umzubauen. Die zusätzliche Klimawirkung soll dabei systematisch erfasst und über CO₂-Zertifikate finanziert werden.


Bei ÖKT konnten wir uns ansehen, wie aus biogenen Reststoffen durch Pyrolyse Pflanzenkohle entsteht. Der darin enthaltene Kohlenstoff kann über lange Zeiträume gebunden werden. Gleichzeitig kann die Pflanzenkohle beispielsweise in der Landwirtschaft oder in Baustoffen eingesetzt werden.

Die Carbon Drawdown Initiative erforscht einen weiteren Ansatz: die beschleunigte Verwitterung von Gestein. Dabei wird fein gemahlenes Gestein auf geeigneten Flächen ausgebracht. Durch natürliche chemische Reaktionen kann es CO₂ binden. Auf Testfeldern wird untersucht, wie zuverlässig sich die Klimawirkung messen lässt und unter welchen Bedingungen das Verfahren skaliert werden kann.tru
CO₂-Abscheidung an bestehenden Anlagen
Im Heizkraftwerk Nord der Stadtwerke München stand die Frage im Mittelpunkt, wie CO₂-Abscheidung in eine bereits bestehende Energie- und Entsorgungsinfrastruktur integriert werden kann. Ein Teil des CO₂ aus der Müllverbrennung stammt aus biogenen Materialien. Wird dieses CO₂ abgeschieden und dauerhaft gespeichert, können dadurch negative Emissionen entstehen.
Der Besuch hat zugleich gezeigt, wie komplex solche Projekte sind. Neben der Abscheidung selbst braucht es Transportmöglichkeiten, geeignete Speicherstätten, klare Zuständigkeiten und verlässliche gesetzliche Rahmenbedingungen.
Direct Air Capture aus München
Das Münchner Unternehmen Phlair entwickelt Anlagen, die CO₂ direkt aus der Umgebungsluft entfernen. Anders als viele klassische Direct-Air-Capture-Verfahren arbeitet die Technologie elektrochemisch und soll flexibel auf die Verfügbarkeit erneuerbaren Stroms reagieren können.
Das ist besonders interessant für ein Energiesystem, in dem Wind- und Solarstrom nicht jederzeit in gleicher Menge zur Verfügung stehen. Die Anlagen können ihre Stromaufnahme anpassen und verstärkt dann arbeiten, wenn viel erneuerbare Energie vorhanden ist. In Ismaning betreibt Phlair bereits eine Pilotanlage, in der zentrale Komponenten der Technologie unter realen Bedingungen eingesetzt werden.

Flexible Biogaskraftwerke mit CO₂-Abscheidung
Reverion verbindet hocheffiziente Stromerzeugung, Energiespeicherung und CO₂-Abscheidung in einem reversiblen System. Die Anlagen können Biogas in Strom umwandeln und bei einem Überschuss an erneuerbarer Energie in die andere Richtung arbeiten: Dann produzieren sie Wasserstoff oder synthetisches Methan.
Bei der Stromerzeugung kann das im Biogas enthaltene biogene CO₂ konzentriert abgeschieden werden. Wird es anschließend dauerhaft gespeichert, können negative Emissionen entstehen. Gleichzeitig kann die Technologie dazu beitragen, das Stromsystem zu stabilisieren: Strom wird erzeugt, wenn er benötigt wird, und überschüssige erneuerbare Energie kann in speicherbare Gase umgewandelt werden.

Aus Pilotprojekten muss ein Markt entstehen
Mein Eindruck nach den beiden Tagen: Das technologische und wissenschaftliche Ökosystem rund um CO₂-Entnahmen wächst. Unternehmen entwickeln konkrete Geschäftsmodelle, die Forschung arbeitet an Messmethoden und Qualitätsstandards und immer mehr Akteure fragen nicht mehr, ob wir CO₂-Entnahmen brauchen, sondern wie wir sie verantwortungsvoll skalieren können.
Doch viele Projekte stoßen weiterhin auf dieselben Hindernisse: fehlende Infrastruktur, unklare Zuständigkeiten, unsichere Erlösmodelle und ein regulatorischer Rahmen, der mit der technologischen Entwicklung nicht Schritt hält.
Deshalb braucht es eine klare politische Strategie: mit ambitionierten und realistischen Zielen für dauerhafte CO₂-Entnahmen, verlässlichen Zertifizierungsstandards, einer funktionierenden Transport- und Speicherinfrastruktur sowie Instrumenten, die Investitionen und den Markthochlauf absichern.
Dabei muss klar bleiben: CO₂-Entnahmen sind kein Ersatz für konsequenten Klimaschutz. Sie dürfen nicht dazu dienen, vermeidbare fossile Emissionen fortzuschreiben. Der wichtigste Beitrag zur Klimaneutralität bleibt, den Ausstoß von Treibhausgasen so schnell und so weit wie möglich zu reduzieren.
Für schwer oder nicht vollständig vermeidbare Restemissionen werden wir CO₂-Entnahmen jedoch benötigen. Deshalb müssen wir heute damit beginnen, die notwendigen Technologien, natürlichen Senken und Infrastrukturen aufzubauen.
Die Unternehmen stehen bereit, die Forschung liefert konkrete Lösungen. Jetzt müssen wir aus vielversprechenden Pilotprojekten eine starke europäische Zukunftsindustrie bauen.