Armenien auf europäischem Kurs
In den vergangenen Tagen war ich als Teil einer Delegation in Armenien. Im Mittelpunkt der Reise standen die Folgen der Flucht der armenischen Bevölkerung aus Bergkarabach, der Friedensprozess mit Aserbaidschan und Armeniens wachsender Wunsch nach einer engeren Anbindung an Europa. In den Gesprächen mit der armenischen Regierung, dem Parlament, Vertreter der Zivilgesellschaft und internationalen Partnern wurde deutlich: Armenien befindet sich in einer schwierigen, aber wichtigen politischen Phase. Die Regierung setzt auf einen klar pro-europäischen Kurs, mehr demokratische Resilienz und größere Unabhängigkeit von Russland.
Erinnerung und Verantwortung
Ein besonders wichtiger Termin war die Kranzniederlegung an der Genozid-Gedenkstätte Tsitsernakaberd in Jerewan. Dort haben wir der Opfer des Völkermords an den Armenier im Osmanischen Reich gedacht. Vor zehn Jahren hat der Deutsche Bundestag den Völkermord in einer fraktionsübergreifenden Resolution anerkannt. Das war ein wichtiges Zeichen – nicht nur gegenüber Armenien, sondern auch für die Aufarbeitung deutscher Mitverantwortung. Eine gemeinsame Kultur des Erinnerns bleibt eine Grundlage glaubwürdiger Außenpolitik.
Sicherheit an Europas östlicher Nachbarschaft
Gemeinsam mit der zivilen EU-Mission waren wir im Grenzgebiet zu Aserbaidschan unterwegs. Auch die Grenze zum Iran liegt dort nur wenige Kilometer entfernt. Der Besuch hat gezeigt, wie konkret europäische Sicherheitspolitik in Armenien geworden ist: Präsenz, Beobachtung und Unterstützung vor Ort leisten einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung. In Gesprächen mit der EU-Delegation, der EU-Sonderbeauftragten-Struktur für den Südkaukasus, der deutschen Botschaft sowie Vertreter deutscher Organisationen wie GIZ, KfW, DAAD, politischer Stiftungen und des deutschen Wirtschaftsverbands ging es darum, wie Deutschland und Europa Armenien auf seinem Weg weiter unterstützen können.
Begegnung mit Geflüchteten aus Bergkarabach
Der bewegendste Termin der Reise war der Austausch mit geflüchteten Frauen aus Bergkarabach. Nach der vollständigen Übernahme der Region durch Aserbaidschan im September 2023 flohen fast alle der rund 120.000 armenischen Einwohner größtenteils ins armenische Kernland. Viele mussten ihre Heimat, ihre Häuser und ihre wirtschaftliche Existenz von einem Tag auf den anderen zurücklassen. Die Frauen berichteten davon, wie sie sich mit ihren Familien ein neues Leben aufbauen mussten. Mit europäischer Unterstützung konnten sie Qualifizierungen erhalten, psychosoziale Hilfe bekommen, Arbeit finden oder sich selbstständig machen. Davor habe ich großen Respekt. Es ist gut und wichtig, dass Deutschland hier unter anderem über die GIZ konkret unterstützt.
Europa muss Armenien verlässlich begleiten
Die Reise hat deutlich gemacht: Armenien steht vor enormen sicherheitspolitischen, humanitären und wirtschaftlichen Herausforderungen. Zugleich gibt es einen starken Willen, das Land demokratisch, europäisch und unabhängiger von Russland auszurichten. Für Deutschland und Europa sollte daraus ein klarer Auftrag folgen: Armenien braucht verlässliche politische Unterstützung, praktische Zusammenarbeit und eine europäische Perspektive, die mehr ist als Symbolik. Gerade in einer geopolitisch so sensiblen Region muss Europa präsent sein – für Frieden, Souveränität, Menschenrechte und demokratische Entwicklung.